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«Im Notfall geht es zu wie am Zürich HB!»

, 7 Minuten

Wie herausfordernd ist es, Ärztin zu sein? Warum praktiziert sie ehrenamtlich im Ausland? Ist sie eine Weltverbesserin? Und warum sind wir in der Schweiz verwöhnt? Diese und andere Fragen hat uns Melanie Holzgang beantwortet. Sie ist Allgemeinchirurgin und hat an vielen spannenden Orten operiert. Für sich und für eine bessere Welt.

Operationssaal im Universitätsspital in Jimma, Südwestäthiopien

Wer ist Melanie Holzgang?

Sie arbeitet als Oberärztin auf der viszeralchirurgischen Abteilung (also Bauchchirurgie) am Inselspital in Bern. Kurz nach Erreichen des Facharzttitels hat sie sechs Monate in einem Regionalspital in Südafrika und weitere sechs Monate in einem Spital im Südwesten Äthiopiens gearbeitet. «Das machen einige Kolleginnen und Kollegen so. Ich bin nur eine von vielen, die sich auch gern im Ausland engagieren», will Melanie festhalten. Vor Kurzem war sie auch noch eineinhalb Jahre in England. «Das war auf jeden Fall eine spannende und teilweise auch überraschende Erfahrung – ich hatte nicht damit gerechnet, dass man auch in Europa auf eine derartige Ressourcen- und Ärzteknappheit treffen kann. Man muss nicht nach Äthiopien reisen, um einen krassen Gegensatz zu unserer mitteleuropäischen Luxusmedizin zu erfahren», meint sie und ergänzt: «Mein Ziel für die mittelfristige und langfristige Zukunft wäre es, regelmässig, zum Beispiel ein bis zwei Monate im Jahr, im Ausland tätig zu sein. Vielleicht im Rahmen eines Einsatzes mit Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) oder mit dem SRK (Schweizerisches Rotes Kreuz). Zurzeit ist diesbezüglich aber noch nichts Konkretes geplant.» 

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Typische äthiopische Landschaft

Sie helfen weltweit Menschen. Sind Sie eine Weltverbesserin?

(lacht) Ich nehme an, Sie beziehen sich dabei auf die Sendung von SRF «Die Weltverbesserer», bei der ich mitwirken durfte. Ich persönlich würde das mit einem «Jein» beantworten. Einerseits sind Menschen, die bei solchen Auslandsprojekten mitmachen, sicherlich bis zu einem gewissen Grad Idealisten oder «Macher», die gerne etwas bewegen oder eben verbessern würden. Andererseits geben einem Einsätze im Ausland unglaublich viel zurück: sei es auch nur das Gefühl, seine Lebenszeit einigermassen sinnvoll eingesetzt zu haben, oder dass man von Menschen und Berufskollegen, die in einem komplett anderen und oft schwierigen Umfeld funktionieren müssen, wahnsinnig viel mitnehmen kann. Man lernt viel über und von anderen und ebenso viel über sich selbst. Ein humanitärer Einsatz ist also meiner Meinung nach nie nur ein altruistischer Akt, sondern man macht das auch für sich selbst. Der Gedanke, die «Welt zu verbessern», hat aber bei meinem Wunsch, Ärztin zu werden, sicherlich eine wesentliche Rolle gespielt – so klischeehaft wie sich das anhören mag, das war und ist ein Herzenswunsch von mir.

Gelingt Ihnen das immer?

Natürlich nicht. Politik, Machtspiele und fehlende Sozialkompetenz sind in unserem Beruf genauso Thema wie in vielen anderen Branchen. Aber die Möglichkeit zu haben, ganz konkrete Probleme von Mitmenschen wie beispielsweise eine simple Blinddarmentzündung zu lösen – und damit eben zumindest für den Moment etwas zu verbessern –, das finde ich auch heute noch wahnsinnig toll an unserem Job als Chirurgen. 

Im Ausland, zum Beispiel in Äthiopien, ist medizinische Hilfe rar. Auf viele Millionen Einwohnerinnen und Einwohner kommen wenige Ärzte und Ärztinnen. Sie arbeiten oft unter Hochdruck, um so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Wie muss man sich das vorstellen?

Wenn sich Patienten in der Schweiz nach 30 Minuten Wartezeit auf dem Notfall beschweren, wage ich es ab und zu, die Verhältnisse in anderen Ländern zu schildern – das bringt die meisten relativ schnell zum Schweigen (schmunzelt). Wir Schweizer befinden uns global gesehen in einer absoluten Ausnahmesituation – unter anderem auch, was die medizinische Versorgung anbelangt. Wir sind uns dessen wohl meist viel zu wenig bewusst, es ist für uns die Normalität. In unserem Land herrscht eine medizinische Überversorgung, (noch) hat das Gesundheitssystem scheinbar endlose Ressourcen. Als Patient wird man in der Schweiz in der Regel gut und schnell behandelt. Es stehen die neuesten Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zur Verfügung – zu denen in der Regel alle Zugang haben. Und unsere Spitäler sind einfach und schnell zu erreichen. Man muss nicht nach Äthiopien schweifen, um sich dessen bewusst zu werden. In England sind die Wartelisten für Operationen endlos lang. Für die Rückverlagerung eines künstlichen Darmausgangs warten die Patienten zum Teil neun bis zwölf Monate, für das Einsetzen eines neuen Hüftgelenks rund 18 Monate. Das kann man sich als Schweizer kaum vorstellen. Noch krasser ist es natürlich in Äthiopien. Ich habe in einem Spital gearbeitet mit einem Einzugsgebiet von zehn Millionen Menschen. Man stelle sich das mal vor: Die Schweiz hätte nur ein Spital! 

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Seltener Zustand: Ein leerer Spitalgang

Unter Hochdruck: Wem retten Sie das Leben?

Eine schwierige Frage. Die Menschen tragen ihre Familienangehörigen kilometerweit auf selbst gebastelten Tragen bis zur Notfallstation, wo es immer von Menschen wimmelt wie am Bahnhof Zürich zu Stosszeiten. Das ist eine unvorstellbare Situation und für uns schwer zu begreifen. Glücklicherweise habe ich dort vor allem Verletzungen wie Knochenbrüche und Verbrennungen behandelt und stand selten vor der Situation, mich für das Leben des einen oder anderen Patienten entscheiden zu müssen. Trotzdem hatte ich ein konstant schlechtes Gewissen beim Anblick der vollen Spitalbetten und -gänge. Ich habe schlichtweg versucht, medizinisch und ethisch vertretbare Prioritäten zu setzen.

Gibt es Erlebnisse, die Sie nicht loslassen?

Es gibt viele gute und weniger gute Erlebnisse, an die ich mich zurückerinnere. Eine Patientin, die mich unglaublich beeindruckt hat, ist die kleine Rehima. Sie erlitt einen Knochenbruch am Vorderarm. Eine Verletzung, die wir in der Schweiz problemlos mit einem Gips oder einer kleinen Operation behandeln können. In der Regel hat so ein Bruch keine Folgen für das Kind. Rehimas Eltern brachten sie zuerst zu einem Schamanen, wie in vielen ländlichen Regionen Äthiopiens üblich. Der Schamane hat Rehima den Arm mit einem Holzstecken provisorisch geschient und verbunden. Doch der Verband war viel zu eng, und Rehima entwickelte Spannungsblasen an der Haut und kurz darauf eine schwere Blutvergiftung. Sie erreichte das Spital nur knapp lebend. Um sie zu retten, mussten wir ihren Arm oberhalb des Ellbogens amputieren. Das ist für ein Mädchen oder für eine junge Frau in Äthiopien eine Katastrophe, denn körperlich behinderte Menschen geraten schnell ins soziale Abseits. Trotz ihres furchtbaren Schicksals habe ich Rehima kein einziges Mal weinen sehen. Sie hat die gesamte Behandlung stoisch ertragen. Am dritten Tag hat sie den Verband am Stumpf ihres Armes bereits selber gewechselt. Das hat mich unglaublich beeindruckt.

Sie helfen den Ärmsten der Armen. Menschen, die an Hunger und Krankheiten leiden. Ist das Thema «Vorsorge» somit ein Privileg in Ihren Augen?

Selbstverständlich! Vorsorge ist ein unglaubliches Privileg. Ein Staatskonstrukt zu haben, das die Vorsorge für seine Bevölkerung organisiert und unterstützt, ist ein Luxus. In vielen Ländern, sogar in den USA, gibt es keine obligatorische Krankenversicherung. Wenn etwas passiert, stehen die Menschen einem Kostenberg gegenüber, den sie kaum finanziell bewältigen können. Auch das ist sicherlich ein Punkt, der von uns Schweizern zu wenig wertgeschätzt wird.

Wie wichtig ist Ihnen persönlich Ihre finanzielle Vorsorge? 

Hmm … gesundheitlich versuche ich vorzusorgen, indem ich mich regelmässig bewege und zu meinem Körper mehr oder weniger Sorge trage. Ich finde, wir haben alle eine Selbstverantwortung, das Beste aus den Karten zu machen, die uns zugespielt wurden. Bezüglich der finanziellen Vorsorge verlasse ich mich auf Spezialisten. Sabrina Villiger, meine Beraterin bei der Zuger Kantonalbank, berät mich in allen finanziellen Angelegenheiten. Ihr vertraue ich. Da ich von der Finanzwelt so gut wie nichts verstehe, muss ich mich beraten lassen und bin froh, wenn ich in guten Händen bin.

Auf was freuen Sie sich in Zukunft?

Ich hoffe, dass sich noch Gelegenheiten bieten werden, der Welt etwas von dem unglaublichen Glück, das wir hier tagtäglich (er)leben dürfen, zurückzugeben. Zum Beispiel im Rahmen zukünftiger Einsätze in weniger privilegierten Regionen. Ausserdem freue ich mich auf eine baldige COVID-freie oder zumindest COVID-arme Zeit und eine zünftige Grillparty mit 50 Gästen! (lacht)

Vielen Dank für das Interview.

Sabrina Villiger

«Ich bewundere meine Kundin Melanie Holzgang für ihre positive Einstellung und ihren Tatendrang. Manchmal braucht es nicht viel, um die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen. Als Bankerin kann ich keine Leben retten, jedoch meine Kundinnen und Kunden in jeder Lebenssituation begleiten und unterstützen. Das Vertrauen meiner Kundschaft, die spannenden Gespräche und die gemeinsamen Anlageerfolge sind für mich Gründe, wieso ich meinen Beruf als Kundenberaterin im Private Banking so liebe.»

Sabrina Villiger, Kundenberaterin Private Banking

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Ina Gammerdinger

Ina Gammerdinger

Ina Gammerdinger, Projektleiterin Kommunikation, ist seit 2018 bei der ZugerKB. Sie sorgt dafür, dass die richtigen Themen die richtigen Personen erreichen. Ihre Arbeit ist eine Mischung aus Redaktion, Social Media Hub, digitalem Labor und Schreibmaschine – sie ist so wandelbar wie ihre Texte. Am liebsten schreibt sie über gesellschaftliche Trends. Privat steht ihr Hund an erster Stelle.


Kategorien: Leben

Tags: Private Vorsorge


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